Lernen verstehen
Einleitung
„Unser Gehirn lernt immer, ob wir wollen oder nicht. Es kann gar nicht anders“
Manfred Spitzer
In diesem Lernbereich möchten wir uns dem Lernen von Menschen widmen. Dabei geht es um die Fragen:
- Was ist Lernen?
- Was passiert beim Lernen in unserem Gehirn?
- Was ist beim Lernen von Erwachsenen anders?
- Wie können wir gut Lernen?
Sehen Sie diesen Lernbereich als Einladung die Vorgänge in Ihrem Gehirn besser kennen zu lernen. Erfahren Sie dabei, was Ihr Gehirn alles leisten kann.
Wenn man andere Menschen beim Lernen unterstützen möchte, ist es sehr wichtig zu verstehen wie der Mensch lernt.
Fragen Sie sich gerade, warum das wichtig ist für Sie als angehende Kursleitung?
„Nein.“ Dann gehen Sie direkt zu Schritt 1.
„Ja.“ Dann schauen Sie sich gerne als ersten Einstieg das folgende Lernvideo an.
Sie lernen eine erste Theorie kennen, wie der Mensch lernt. Sie erfahren, wie Sie dieses Wissen als Kursleitung nutzen können. Gehen Sie danach zu Schritt 1 weiter.
Video: Konstruktivismus
Video in deutscher Gebärdensprache: Konstruktivismus
Folien: Konstruktivismus
Was ist Lernen?
Lernen ist das Erwerben von Wissen oder Fähigkeiten. Dieses neue Wissen oder die neue Fähigkeit bieten den Lernenden die Möglichkeit anders zu handeln.
In der Lernpsychologie wird das Lernen auch als ein Erfahrungsprozess bezeichnet. Hier wird betont, dass das Lernen das Ergebnis von Erfahrungen ist. Betont wird außerdem, dass das Lernen ein Prozess ist, also ein Weg mit Stationen.
Lernen kann beabsichtigt sein. Wie zum Beispiel in dieser Lernsituation, in der Sie sich gerade befinden. Es wurden Lernmaterialien erstellt. Sie wurden gebeten sich damit zu befassen. Die Absicht dahinter war, dass Sie mehr über das Thema Lernen lernen.
Lernen kann aber auch unbeabsichtigt oder nebenbei erfolgen. Diese Arten des Lernens passieren häufig im Alltag. Zum Beispiel, indem ich etwas zufällig beobachte und dadurch lerne. Tatsächlich gehört der Mensch zu den Lebewesen, die durch Nachahmen sehr gut lernen können. Man nennt dieses Lernen auch das Lernen am Modell.
In der Vertiefung können Sie mehr über das Lernen am Modell erfahren.
In der Vertiefung können sie mehr über Lernen am Modell nach Bandura erfahren
Lernen ist das Ergebnis von Prozessen. Diese Prozesse finden nicht nur im Gehirn statt, sondern betreffen verschiedene Funktionen Ihres Körpers.
Machen Sie Notizen während eines Vortrags. Lernen Sie nicht nur durch das Hören. Sie lernen auch durch die Bewegung Ihrer Hand. Das Gehirn prägt sich auch diese Bewegung ein. Dies führt dazu, dass Sie sich die Information besser merken können, weil Sie sie gehört und aufgeschrieben haben. Das gilt vor allem für das Schreiben mit der Hand und nicht mit elektrischen Geräten.
Lernen ist also ganzheitlich, es betrifft den ganzen Körper. Es ist somit gut, auch den ganzen Körper beim Lernen einzubeziehen.
Wir fassen noch einmal zusammen: Lernen ist das Ergebnis eines Prozesses. Dieser Prozess läuft an verschiedenen Stellen im Körper ab und nicht nur im Gehirn. Lernen kann gezielt hervorgerufen werden. Lernen kann aber auch ganz von selbst erfolgen.
Ist das Lernen bei Erwachsenen anders?
Was denken Sie? Unterscheidet sich das Lernen Erwachsener vom Lernen von Kindern? Wenn ja, was ist daran anders?
Nehmen Sie sich gerne 3 Minuten Zeit zum Überlegen. Schreiben Sie Ihre Antwort in Stichpunkten auf. Oder sprechen Sie Ihre Antwort auf Ihr Smartphone.
Schauen Sie sich nun das Video an. Hier bekommen Sie eine erste Antwort.
Lernen Erwachsener
Video: Besonderheiten beim Lernen von Erwachsenen
Video in deutscher Gebärdensprache: Besonderheiten beim Lernen von Erwachsenen
Folien: Besonderheiten beim Lernen von Erwachsenen
Das Lernen Erwachsener unterscheidet sich vom Lernen von Kindern und Jugendlichen teilweise durch äußere Lernumstände. Also gemeint sind das System der Weiterbildung und das Schulsystem. Die äußeren Lernumstände von Erwachsenen wirken sich positiv auf das Lernen aus. Sie sind lernförderlich. Das folgende Schaubild fasst die genannten Vorteile von Erwachsenen beim Lernen zusammen:
Schaubild: Lernen verstehen
Bildbeschreibung: Schaubild
Links im Schaubild steht „Vorteile Erwachsener beim Lernen:“. Rechts davon sind pro Zeile zwei Rechtecke abgebildet. Sie sind durch einen Pfeil der nach rechts zeigt, verbunden. Es gibt drei Zeilen. Im ersten Rechteck der 1. Zeile steht „Mehr Erfahrung“. Ein Pfeil zeigt auf das zweite Rechteck in dem „Mehr Verknüpfung“ steht. Im ersten Rechteck der 2. Zeile steht „Freiwilligkeit“. Ein Pfeil zeigt auf das zweite Rechteck, in dem „Hohe Motivation“ steht. Im ersten Rechteck der 3. Zeile steht „Lebensnähe“. Ein Pfeil zeigt auf das zweite Rechteck, in dem „Bezug zur Praxis“ steht.
Weiter zu Schritt 3
Wir kommen am Ende von Schritt 3 noch einmal auf die Frage zurück, ob das Lernen Erwachsener anders ist. Zuerst erfahren Sie jedoch mehr darüber, was beim Lernen in unserem Gehirn passiert.
Was passiert beim Lernen in unserem Gehirn?
Das Gehirn verbraucht viel Energie. Ungefähr 20 % unseres gesamten Energiebedarfs benötigt es. Das Gehirn arbeitet und lernt immer. Seine Arbeit besteht darin ein Netzwerk aus Nervenzellen umzustrukturieren.
Auf dem Bild sehen Sie eine stark vergrößerte Nervenzelle.
Unser Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden solcher Nervenzellen. Mit diesen kommen wir zur Welt. Die Anzahl der Nervenzellen verändert sich im Laufe eines Lebens nicht bemerkenswert. Was sich verändert sind die Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Man nennt diese Verbindungen Synapsen.
Man kann sich diese Verbindungen zwischen den Nervenzellen als Trampelpfad vorstellen. Wird eine Verbindung häufig genutzt, wird aus diesem Trampelpfad eine Straße. Sie ist schneller und leichter befahrbar.
Eine Person hat bereits 4 Sprachen gelernt. Die Verbindungen im Gehirn, die sie für das Sprachenlernen benötigt, sind gut ausgebaut. Diese Person erlernt eine weitere Sprache einfacher und schneller als eine Person, die nur 2 Sprachen erlernt hat.
Im Laufe des Lebens entsteht also ein dichtes Netzwerk aus Verbindungen. Wichtige Verbindungen werden gestärkt. Verbindungen, die nicht gebraucht werden, werden eher abgebaut.
Im Kindesalter entstehen diese Verbindungen schneller als bei Erwachsenen. Kinder können etwas Neues also schneller lernen als Erwachsene.
Im Erwachsenenalter werden besonders Hirnareale, die weiter auseinanderliegen, stärker miteinander verbunden. Das Gehirn funktioniert mehr als ein ganzes System. Erwachsene können Dinge damit besser in Bezug zu anderen Dingen setzen.
Ein Kind lernt seine erste Fremdsprache. Das Kind kann sich neue Wörter sehr schnell einprägen. Es braucht nur wenige Wiederholungen dafür. Ein Erwachsener braucht länger, um etwas völlig Neues zu lernen. Der Erwachsene hat aber vielleicht den Vorteil bereits zwei Fremdsprachen gelernt zu haben. Der Erwachsene kann Wörter einer neuen Sprache mit Wörtern einer Sprache verknüpfen, die er bereits gelernt hat.
Hat dieser Erwachsene aber bisher keine Fremdsprache gelernt, hat das Kind große Vorteile. Es wird die neue Sprache einfacher und schneller erlernen.
Kinder und Erwachsene können also gleich schnell lernen. Die Art des Lernens ist aber etwas verschieden.
Beim Erwachsenen hängt das Lernen stark von seinen Vorerfahrungen ab. Man nennt diese Lernerfahrungen auch Lernbiographie. Hat ein Erwachsener viel Neues im Kindesalter und seinem bisherigen Leben gelernt, kann er auch im Alter neues Wissen einfach und schnell erlernen. Er verknüpft dabei das neue Wissen mit altem Wissen.
Ein Gehirn kann also niemals „zu voll sein“. Ein Mensch kann auch eine 6. oder 7. Fremdsprache erlernen.
Gehen wir nun noch einmal zu der Frage zurück, ob das Lernen Erwachsener anders ist?
Wie können wir gut lernen?
Das Lernen wird von vielen verschiedenen Umständen beeinflusst. Welche Umstände unterstützen das Lernen? Sind also lernförderlich?
- Das Vertrauen in die eigenen Lernfähigkeiten ist eine wichtige Grundlage für das lernen.
- Gute Lernerfahrungen fördern das weitere Lernen. Schlechte Lernerfahrungen können aber durch gute Lernerfahrungen umgedeutet werden.
- Eine hohe Konzentrationsfähigkeit fördert das Lernen.
- Eine hohe Motivation für das Lernen führt dazu, dass besser gelernt wird.
- Persönliche Lernziele steigern die Motivation zu lernen.
- Emotionen, also die Gefühle, haben beim Lernen eine wichtige Rolle. Wird ein Thema mit Emotionen verankert, wird es länger im Gedächtnis behalten.
- Lernen wir mit verschiedenen Sinnen, kann das Gelernte auch besser verankert werden.
- Mit zunehmendem Alter wird vor allem das Wissen gelernt, was an Vorwissen anknüpft.
- Gewohnheiten oder Einstellung sind sehr stabil. Sie können schwer verändert werden. Neue Gewohnheiten können einfacher gelernt werden.
- Lernen ist abhängig vom Gesundheitszustand einer Person. Dabei fördert Lernen aber die Gesundheit.
Pausen sind wichtig für das Lernen!
Aufgabe: Lernen Verstehen
Wie lange lernen Sie nun schon? Lernen Sie schon seit 25 Minuten?
Wenn ja, dann machen Sie doch eine Pause von 2 bis 3 Minuten. In der Pause sollte Ihr Gehirn die Möglichkeit bekommen abzuschalten. Schauen sie vielleicht einfach nur aus dem Fenster.
Danach können Sie natürlich gerne weiterlernen. Spätestens nach 2 Stunden sollten sie dann aber eine längere Pause machen!
Vertiefung
Modell nach Bandura
Das Lernen am Modell nach Bandura ist eine Theorie. Also eine Erklärung für das Lernen. Sie besagt, dass eine Person durch Beobachtung und Nachahmen lernen kann.
Die Person, die beobachtet wird, ist das Modell. Die andere Person beobachtet zum Beispiel eine Handlung des Modells. In der Kindheit sind oft die Eltern Modelle für ihre Kinder. Allerdings kann jeder Mensch ein Modell sein, auch eine Kursleitung.
Lernen am Modell hat zwei Phasen. Zum einen die Aneignungsphase und zum anderen die Ausführungsphase.
Aneignungsphase
In der Aneignungsphase ist es wichtig, dass der Lernende einen Grund hat, wieso er etwas lernen möchte. Ohne dieses Interesse würde kein Lernen entstehen.
Es kann sein, dass die lernende Person das Beobachtete mehrmals sehen muss, um es zu verstehen. Dann sollte das Gezeigte wiederholt werden.
Ausführungsphase
In der Ausführungsphase wird die Handlung, die in der Aneignungsphase beobachtet wurde, nachgemacht.
Wichtig ist auch hier, dass der Lernende motiviert ist oder einen Grund hat, den Lerninhalt zu üben. Die lernende Person überlegt sich, ob das neu Gelernte einen Vorteil oder einen Nachteil hat.
Bei einem Nachteil wird das Gelernte nicht mehr gemacht. Bei einem Vorteil wird das Gelernte behalten.
Angaben zu Literatur und Quellen:
Hannelore Bastian | Klaus Meisel | Ekkehard Nuissl | Antje von Rein
Kursleitung an Volkshochschulen
W. Bertelsmann Verlag Bielefeld | 2004 | Regelsprache
Guy Bodenmann | Meinrad Perrez | Marcel Schär
Klassische Lerntheorien – Grundlagen und Anwendungen in Erziehung und Psychotherapie
Hogrefe Verlag Bern | 2023 | Regelsprache
Max-Planck-Gesellschaft
Das Gehirn
Webseite: Max Planck Gesellschaft – Das Gehirn
Horst Siebert
Lernen und Bildung Erwachsener
Bertelsmann Verlag Bielefeld | 2017 | Regelsprache
Manfred Spitzer
Lernen – Gehirnforschung und die Schule des Lebens
Spektrum Akademischer Verlag München | 2007 |Regelsprache
Manfred Spitzer |Norbert Herschkowitz
Wie wir denken – Ein faszinierender Einblick in das Gehirn von Erwachsenen
mvg Verlag München | 2020 |Regelsprache, aber relativ leicht zu lesen